Man spricht oft von der ‚Entideologisierung’

Man spricht oft von der ‚Entideologisierung’ der Parteien, des politischen Lebens schlechthin. In Wirklichkeit gibt es wohl kaum ein Land, dessen öffentliches Leben stärker unter dem Zeichen der Ideologie steht. Allerdings handelt es sich um eine Ideologie, die nahezu von allen als gut erkannt wird. Die Folge ist, dass die politischen Konflikte innerhalb dieser Ideologie ausgetragen werden. ‚Entideologisierung’ bedeutet nur, dass die gemeinsame Ideologie kaum mehr in Frage gestellt wird, wenigstens von keiner der Parteien, die zusammen wehr als 9/10 der Wähler vertreten: Der vereinzelte Andersdenkende wird dann naturgemäß zum Verräter.

Alfred Grosser aus: ders. u. Jürgen Seifert, Spiegel-Affäre, Bd. 1: Die Staatsmacht und ihre Kontrolle, Freiburg 1966, S. 18. Vgl. auch Jean Améry, Vom Nutzen und Nachteil der Ideologie für das Leben, Vorgänge 3/1967, abgedruckt in: ders., Widersprüche, Frankfurt/Main 1980.