Die Aufarbeitung der BRD-Vergangenheit

So langsam wird’s Zeit. Nachdem sich der bundesrepublikanische Vergangenheitsdiskurs jahrelang vor allem darin auszeichnete, dass er die Realitäten des ‚Dritten Reiches‘ auf hanebüchende Art und Weise verzerrte, erscheint mittlerweile die Geschichtsvergessenheit, mit der über die ‚alte Bundesrepublik‘ gesprochen wird, als mindestens ebenso drängendes Problem. Nur drei Beispiele.

Gestern warf Alexander Kissler in der Süddeutschen Zeitung dem französischen Philosophen Emmanuel Faye allen ernstes vor, dieser habe sich in seinem Buch über Heideggers ‚Einführung des Nationalsozialismus in die Philosophie‘ vor fünf Jahren „auf tendenziöse Weise ein Geheimwissen zu nutze gemacht“, da die Texte, auf denen der Heidegger-Diss fußte, „damals nicht der Allgemeinheit zur Verfügung standen“. Die eigentliche Peinlichkeit liegt freilich darin, dass sich seit 1945 kein einziger deutscher Forscher oder Feuilletonhonk die Mühe gemacht hat, die Texte selbst auszugraben und entsprechend auseinanderzunehmen. Dank Fayes provokanter Thesen zum ‚Nazi-Philopsophen‘ Heidegger ist dies jetzt endlich passiert – mit dem zu erwartenden Ergebnis, als ‚echten Nazi‘ könne man Heidegger nun wirklich nicht bezeichnen, was einerseits sicher zutrifft, andererseits aber ebenfalls von einer Verdrängung der BRD-Vergangenheit zeugt. Denn auch die wissenschaftlich vergleichsweise sinnlose Unterscheidung ‚echter Nazi‘ vs. ‚Mitläufer‘ ist ein Produkt westdeutscher Vergangenheitsverzerrung und sagt weniger über die extrem wichtige Rolle aus, die gerade ‚Halb-Nazis‘ wie Heidegger für die Stabilisierung des ‚Dritten Reiches‘ spielten, als über die Absurditäten der Entnazifizierung in der Adenauer-Ära.

In der gleichen Ausgabe berichtet Hans Kratzer von neueren Untersuchungen, wonach „nicht nur russische Soldaten, sondern auch Amerikaner und Franzosen 1945 deutsche Frauen schändeten“, und liefert gleich die Erklärung mit, weshalb diese wenig überraschende Tatsache bis heute so gut wie unbekannt sei: „Bislang wurden die Schändungen vor allem der Roten Armee zugeordnet, und das hat sich auch tief ins kollektive Bewusstsein der deutschen Nachkriegszeit eingebrannt. ‚Die Russen waren Vergewaltiger, die Amerikaner Befreier.‘ So urteilte das deutsche Volk nach 1945.“ Die Anfeindungen, denen selbst ein Richard von Weizsäcker noch im Jahr 1985 ausgesetzt war, als er die Westdeutschen vorsichtig mit dem Gedanken vertraut machte, dass es sich bei der Kapitulation auch um eine Form der Befreiung gehandelt hatte? Vergessen. (Ganz zu schweigen von dem nicht ganz unwichtigen Detail, dass die ‚Rechtsordnung‘ des ‚Dritten Reiches‘ den Schwangerschaftsabbruch nur bei der Vergewaltigung durch „minderwertige Volksgruppen“ wie eben Russen erlaubte, während er bei Vergewaltungen durch westalliierten Soldaten strafbar blieb.)

Aber es geht nicht nur um Nachgeschichten des ‚Dritten Reiches‘. Heribert Prantl etwa beklagt in einem heutigen Kommentar zu Thierses Demoleistung zurecht, dass die vielen Freisprüche für zunächst verurteilte Sitzblockierer gegen die Raketen-Nachrüstung („vom Literaturnobelpreisträger bis zur einfachen Hausfrau“), die nach dem Sitzblockaden-Urteil von 1995 ausgesprochen werden mussten, „im öffentlichen Bewusstsein kaum verankert“ seien, obwohl es sich doch um „Festtage in der Geschichte des zivilen Widerstands“ gehandelt habe.

Hoffentlich bleibt Prantl der SZ noch lange erhalten. Wer sonst soll uns dereinst daran erinnern, dass Franz Josef Strauß ‚blockierenden Lastwagen-Fahrern Wurstsemmeln‘ in die Hand drückte? Der Nachwuchs leidet jedenfalls an Gedächtnisschwund.