Archiv der Kategorie 'Das Schielen nach dem Ausland'

Neues Filmmaterial zeigt Hinrichtung von Deutschen und vielleicht auch Schweden

Der Bild-Zeitung zufolge wird ‚der Film Getötet in Tschechien bald auch in Deutschland zu sehen sein‘. Was Schweden dazu sagt, ist unklar.

You‘re wasting your time

And you‘re embarrassing your country.

And now let us do what these wise Germans do

‚… and drown the memories of so many cemeteries in beer. In this gay beer house in the Reeperbahn Strasse our attention is attracted not by the cult of death but of life. Life is joy, is gayety, is physical fitness, social grace, serenity, the power to forget. But most of all the absence of any memory and sense of death.‘

‚Mondo Cane‘ ist ein lustiger italienischer Dokumentarfilm über die Schlechtheit der Welt aus dem Jahr 1962. Gezeigt werden nicht nur radioaktiv verseuchte Wasserschildkröten im Bikini-Atoll, die ohne Orientierungssinn dahinvegitieren, bevor sie in der Sonne verenden, sondern auch besoffene Hamburger, die sich mit Astra die Erinnerung an Massengräber aus den Schädeln pusten.

So jedenfalls die Interpretation des englisch-sprachigen Kommentators im Youtube-Film; in diesem Online-Skript ist nur abstrakt von der ‚complete absence of any memory or thought of death‘ die Rede.

Abstrakt bleibt in diesem Punkt auch die Spiegel-Rezension des Films (Abb. 2), während andere Passagen aus ‚Jacopettis Monstrositäten-Kabinett‘ recht ausführlich beschrieben und interpretiert werden: ‚Eingeborene auf Borneo prügeln Hunderte quiekender Schweine mit Knüppeln tot, Malaien füttern Haifische mit giftigen Seeigeln, um ihnen einen qualvollen Tod zu bereiten.‘ Die Reeperbahn-Passage wird von dem Magazin nur zitiert, weil an ihr ‚die Masche des Italieners‘ besonders ‚deutlich‘ werde: ‚Eine fette Alte bleckt die Zunge; Besoffene schlafen ihren Rausch reihenweise an der Theke aus; bezechte Weiber torkeln über die Straße; Männer verrichten ihre Notdurft am Rinnstein; Halbstarke prügeln sich blutig.‘

Von der schönen Tabu-Einstellung bei Sekunde 28 (Abb. 1) ist in der Besprechung keine Rede. Dafür zeigt sich der Autor befriedigt darüber, dass der Film nur ‚für Deutsche über 18 Jahre‘ freigegeben wurde. Von der Freiwillgen Selbstkontrolle.

Maschinenstürmer im Porträt: Hermann Zach

In einer schönen Einzelleistung hat der 70-jähriger Rentner aus dem österreichischen Steyregg mit seinem Gartengerät einen 23-jährigen Studenten, der für Google-Street-View gerade ein paar Bilder aufnahm, kurzzeitig in die Flucht geschlagen und vor Schreck die Polizei rufen lassen (hier genauere Erörterungen zum Tathergang).

Dem ORF-Bericht zufolge wurden die Google-Autos auch in anderen europäischen Ländern desöfteren angegriffen, aus Furcht, die online gestellten Fotos könnten Einbrecher anziehen. Auch Herr Zach griff nicht aus prinzipiellen Gründen zur Spitzhacke. Vielmehr trieb ihn die Angst um, seine Ersparnisse und das Auto, das zum Zeitpunkt der Street-View-Aufnahme ungeschützt vor der Garage stand, würden „in zwei Stunden in der Tschechei“ landen (oberösterr. f. Polen).

Jeder weiß, dass Nacktdemos ein alter Hut sind

Nur in der Ukraine scheint sich das noch nicht herumgesprochen zu haben. Hier sitzt Alexander Volodarsky seit November letzten Jahres in Untersuchungshaft, weil er nackt gegen Zensur demonstriert hat. Seit fünf Monaten.

In Berlin und Hamburg wurde heute jedenfalls dafür protestiert, dass Volodarsky nach dem Prozess morgen von seinem Knast in Kiev direkt ins Pantheon der weltweiten Werteliberalisierung transferiert wird, die sich die EU und die nach ihr schielenden Länder doch so gerne auf die Fahnen schreiben.

Es kann nicht sein, dass man bei uns die Arschbacken der Kommune 1 abfeiert, weil sie angeblich für einen Staat und eine Gesellschaft stehen, die auch mal Fünfe grade sein lassen, und in den EU-Anrainern Leute für die gleiche nackte Haut mit vier Jahren Knast bedroht werden. Mit vier Jahren!

Ein Volk von Botschaftern

Der Süddeutschen Zeitung zufolge startet die israelische Regierung gerade eine ziemlich bescheurte PR-Aktion, die Israelis im Urlaub oder sonstwie im Ausland mit Argumenten beliefern soll, weshalb die Vorurteile, die über das Land so kursieren, falsch sind: „Unter der Rubrik ‚Mythos und Wirklichkeit‘ zum Beispiel ist nachzulesen, warum es falsch ist, dass die Israelis nur Falafel oder Hummus essen und alle Frauen mit Kopftüchern herumlaufen. Zugleich jedoch wird auf der Internetseite auch mit vermeintlichen politischen Mythen aufgeräumt. Warum die Siedler kein Hindernis für den Frieden sind, warum Israel keine Verpflichtung hat zum Rückzug auf die Grenzen von 1967, warum die Juden sowieso schon viel früher da waren als die Araber – all das wird ausführlich erklärt. Dies allerdings hat auch innerhalb Israels die Kritiker auf den Plan gerufen, weil diese Punkte allein die Ideologie der rechtsgerichteten Regierung widerspiegelten. “

Da fällt mir ein, dass die sozialliberale Bundesregierung vor gut dreißig Jahren mal was ähnliches gestartet hat, damit man in dem Teil des Auslandes, der für sie relevant war, nicht mehr glaubte, in Westdeutschland würden Lokomotivführer auf die Straße gesetzt, nur weil sie der Kommunistischen Partei angehörten. Die PR sah so aus und ich hoffe man erkennt was (aus Stern 34/1978).

Danish cartoonists strike again


Oléolé!!!

Im Bonner Haus der Geschichte gibt es eine neue Ausstellung mit dem Namen ‚Flagge zeigen? Die Deutschen und ihre Nationalsymbole‘. Horst hat sie gerade eröffnet. Der Aufhängertext geht so: ‚Schwarz-rot-goldene Fahnen an Fenstern, Gebäuden, Autos: Spätestens seit der Fußball-Weltmeisterschaft 2006 in Deutschland tragen vor allem Jugendliche wieder ‚National‘, zeigen Flagge, feiern fröhliche Feste mit ‚Fahnenträgern‘ anderer Nationen.‘

Erinnert sei in diesem Zusammenhang an eine Podiumsdiskussion, die das Goethe-Institut Paris gemeinsam mit dem Radiosender France Culture im September 1976 ausrichtete. Der sozialdemokratische Politikwissenschaftler Iring Fetscher debattierte mit seinem französischen Kollegen Alfred Grosser über ‚Tolérance et intolérance‘. Fetscher sagte in etwa das Gleiche, das man seit jeher zum Thema Fähnchenschwenken in westdeutschen Zeitungen lesen kann: In der Bundesrepublik gäbe es ‚nur wenig zugegebenen Nationalismus‘. So sei es in Westdeutschland ‚unvorstellbar, dass alle Politiker, von der KP bis zur extremen Rechten, gemeinsam über den Sieg der deutschen Fußballnationalmannschaft jubeln.‘ Grosser, der nach 1933 als Jude im Sinne der Rassegesetze des Reichsinnenministeriums aus Frankfurt/Main fliehen musste und später die französische Staatsbürgerschaft annahm, meinte nur kurz, bei den Siegen von 1954 und 1974 hätte er ja eher einen ‚einhelligen Enthusiasmus‘ in Erinnerung.

Es gibt nur wenige Dinge, die in der Geschichte der Bundesrepublik gründlicher verbogen wurden als die Erinnerung an das Deutsche Reich. Eines davon ist die Erinnerung an den zugegebenen Nationalismus, wie er sich in der Regel aus Anlass diverser Herrenfußball-Meisterschaften äußerte.

Mickey Mouse must die, says Saudi cleric…

…sagte der Daily Telegraph schon vorgestern und heute bringt auch Bild die Nachricht: „Islamist will Micky Maus tot sehen. Angriff auf Micky Maus! ‚Diese Maus wird von Satan gesteuert, sie ist einer von seinen Soldaten‘, behauptet der Saudi-Kleriker Scheich Muhammad al-Munajid in einem Interview mit dem arabischen TV-Sender ‚Al-Majd‘.“

Nicht, dass ich Muhammad al-Dingens nicht zutraue, dass er das wirklich gesagt hat aber so ganz überzeugt bin ich nicht. In dem Video jedenfalls spricht er – laut Untertitel! – die ganze Zeit über ‚unreine Mäuse‘ und sowas und warum der Koran sie scheiße findet (Seuchengefahrabwehrgedöns von früher).

Erst ganz am Ende sagt er dann, Mickey und Tom & Jerry hätten die Jugend verdorben, weil diese ihretwegen in Mäusen süße kleine Dutzidutzis erblickte (‚wonderful and loved by children‘) anstatt eklige Dreckschläudern, wie es Natur, Verstand und Koran eigentlich vorsähen. Er grinst sogar ein bißchen, als wär ihm das Argument peinlich. Eine Fatwa hab ich mir jedenfalls anders vorgestellt. Mit mehr Pauken und Trompeten. Egal.

Solange sie die Ente in Ruhe lassen.

Heinz Erhardt contra und pro

Flecke

Gott, voller Weisheit, hehr und mild
schuf uns nach seinem Ebenbild
Gewiß, wir Menschen sind gescheit,
doch wo ist unsre Menschlichkeit?
Erscheint uns jemand edel, groß,
so täuscht das: er verstellt sich bloß!
Erst wenn er Böses tut und spricht,
zeigt er sein wahres Angesicht! -

Um obiges nun zu beweisen,
laßt alphabetisch uns verreisen,
dann kann man sehn, was so geschah!
Wir fangen vorne an, bei A !!!

A (Amerika)

Amerika, du Land der Super-
lative und dort, wo James Cooper
zwar seinen „Lederstrumpf“ verfaßte,
man aber die Indianer haßte,
weshalb man sie, halb ausgerottet,
in Reservaten eingemottet,
sich dafür aber Schwarze kaufte,
sie schlug und zur Belohnung taufte,
doch heute meidet wie die Pest,
sie aber für sich sterben läßt-
wie beispielgebend stehst du da
für Menschlichkeit! O USA!

B (Briten)

Jedoch auch sie, die vielen Briten,
die Schott- und Engländer, sie bieten
für unser Thema Menschlichkeit
so manchen Stoff seit alter Zeit!
Nur waren’s statt Indianer Inder,
die sie ermordeten, auch Kinder;
und ähnlich Schreckliches erfuhren
danach die Iren und die Buren,
die man durch den Entzug des Fetts
verschmachten ließ in den Kazetts!
Jedoch bei Völkern, welche siegen,
wird sowas immer totgeschwiegen…

C (Christen)

Dann wäre da, bar jeden Ruhms,
so manche Tat des Christentums,
die, eben wegen seiner Lehre,
am besten unterblieben wäre!
Man denke da zum Beispiel an
Inquisition zuerst und dann
an Waffensegnung mit Gebeten,
um andre Gläubige zu töten!
Auch dieses: lieber Menschenmassen
verelenden und hungern lassen,
statt man Geburtenreglung übe-
auch das zeugt nicht von Menschenliebe!

D (Deutschland)

Nun: Wollt ihr, daß im Alphabet
es mit dem D jetzt weitergeht?
Ist es nicht besser, wenn ich ende?
Wascht nur in Unschuld eure Hände
und greift, kraft eigenen Ermessens,
zum güt‘gen Handtuch des Vergessens…

Doch hilft das Waschen nicht und Reiben:
Die Flecke bleiben!

Heinz Erhardt, Das große Heinz Erhardt Buch, Hannover 1970.

Frage: Ist das Gedicht jetzt vor allem schlecht, weil Erhardt unter A, B und C das eklige Apologie-Programm abspult, oder vor allem auch gut, weil er, was mir für einen so extrem erfolgreichen Komiker der Adenauer-bis-Schmidt-Ära bemerkenswert erscheint, zwar nicht die Konkretion (‚auch Kinder‘), aber immerhin die Pointe mit der Fleckenmetapher für D wie Deutschland aufhebt?

Ich weiß nicht recht, tendiere aber zu vor allem auch gut.