Four Tet live in Los Angeles

Honecker wurde übrigens auch da gefoltert,

wo heute die Topographie des Terrors steht (hier kann man’s halbwegs entziffern). Und mit ihm rund 15.000 andere politische Häftlinge, „vor allem Kommunisten, Sozial­demokraten, Gewerkschafter, Mitglieder kleiner sozialistischer Gruppierungen und Widerstands­organisationen.“

Schade, dass man so wenig von dieser Opfergruppe hört, noch nicht mal von Seiten der SPD, denn dann würde die Topographie-Diskussion vielleicht nicht nur von Architekten handeln, die keinen interessieren.

Die Aufarbeitung der BRD-Vergangenheit

So langsam wird’s Zeit. Nachdem sich der bundesrepublikanische Vergangenheitsdiskurs jahrelang vor allem darin auszeichnete, dass er die Realitäten des ‚Dritten Reiches‘ auf hanebüchende Art und Weise verzerrte, erscheint mittlerweile die Geschichtsvergessenheit, mit der über die ‚alte Bundesrepublik‘ gesprochen wird, als mindestens ebenso drängendes Problem. Nur drei Beispiele.

Gestern warf Alexander Kissler in der Süddeutschen Zeitung dem französischen Philosophen Emmanuel Faye allen ernstes vor, dieser habe sich in seinem Buch über Heideggers ‚Einführung des Nationalsozialismus in die Philosophie‘ vor fünf Jahren „auf tendenziöse Weise ein Geheimwissen zu nutze gemacht“, da die Texte, auf denen der Heidegger-Diss fußte, „damals nicht der Allgemeinheit zur Verfügung standen“. Die eigentliche Peinlichkeit liegt freilich darin, dass sich seit 1945 kein einziger deutscher Forscher oder Feuilletonhonk die Mühe gemacht hat, die Texte selbst auszugraben und entsprechend auseinanderzunehmen. Dank Fayes provokanter Thesen zum ‚Nazi-Philopsophen‘ Heidegger ist dies jetzt endlich passiert – mit dem zu erwartenden Ergebnis, als ‚echten Nazi‘ könne man Heidegger nun wirklich nicht bezeichnen, was einerseits sicher zutrifft, andererseits aber ebenfalls von einer Verdrängung der BRD-Vergangenheit zeugt. Denn auch die wissenschaftlich vergleichsweise sinnlose Unterscheidung ‚echter Nazi‘ vs. ‚Mitläufer‘ ist ein Produkt westdeutscher Vergangenheitsverzerrung und sagt weniger über die extrem wichtige Rolle aus, die gerade ‚Halb-Nazis‘ wie Heidegger für die Stabilisierung des ‚Dritten Reiches‘ spielten, als über die Absurditäten der Entnazifizierung in der Adenauer-Ära.

In der gleichen Ausgabe berichtet Hans Kratzer von neueren Untersuchungen, wonach „nicht nur russische Soldaten, sondern auch Amerikaner und Franzosen 1945 deutsche Frauen schändeten“, und liefert gleich die Erklärung mit, weshalb diese wenig überraschende Tatsache bis heute so gut wie unbekannt sei: „Bislang wurden die Schändungen vor allem der Roten Armee zugeordnet, und das hat sich auch tief ins kollektive Bewusstsein der deutschen Nachkriegszeit eingebrannt. ‚Die Russen waren Vergewaltiger, die Amerikaner Befreier.‘ So urteilte das deutsche Volk nach 1945.“ Die Anfeindungen, denen selbst ein Richard von Weizsäcker noch im Jahr 1985 ausgesetzt war, als er die Westdeutschen vorsichtig mit dem Gedanken vertraut machte, dass es sich bei der Kapitulation auch um eine Form der Befreiung gehandelt hatte? Vergessen. (Ganz zu schweigen von dem nicht ganz unwichtigen Detail, dass die ‚Rechtsordnung‘ des ‚Dritten Reiches‘ den Schwangerschaftsabbruch nur bei der Vergewaltigung durch „minderwertige Volksgruppen“ wie eben Russen erlaubte, während er bei Vergewaltungen durch westalliierten Soldaten strafbar blieb.)

Aber es geht nicht nur um Nachgeschichten des ‚Dritten Reiches‘. Heribert Prantl etwa beklagt in einem heutigen Kommentar zu Thierses Demoleistung zurecht, dass die vielen Freisprüche für zunächst verurteilte Sitzblockierer gegen die Raketen-Nachrüstung („vom Literaturnobelpreisträger bis zur einfachen Hausfrau“), die nach dem Sitzblockaden-Urteil von 1995 ausgesprochen werden mussten, „im öffentlichen Bewusstsein kaum verankert“ seien, obwohl es sich doch um „Festtage in der Geschichte des zivilen Widerstands“ gehandelt habe.

Hoffentlich bleibt Prantl der SZ noch lange erhalten. Wer sonst soll uns dereinst daran erinnern, dass Franz Josef Strauß ‚blockierenden Lastwagen-Fahrern Wurstsemmeln‘ in die Hand drückte? Der Nachwuchs leidet jedenfalls an Gedächtnisschwund.

Stuttgart wehrt sich

How are things in Moscow?

… fragen die drei zur Devisenbeschaffung nach Paris geschickten KPdSU-Funktionäre, als sie Ninotschka Yakushova (gespielt von Greta Garbo) auf dem Bahnsteig als eine der ihren erkennen. ‚Very good‘, antwortet die Genossin, ‚the last mass trials where a great success. There are going to be fewer but better Russians.‘ Natürlich rechneten die drei mit einem Typen, weshalb sie für ein paar Sekunden einen streng dreinschauenden Mann fixiert hatten, der sich dann aber schnell als Deutscher entpuppte, weil er und seine Frau sich mit ‚Heil Hitler!‘ begrüßten. Der Spruch mit den Prozessen ist aber auch lustig, und es gibt keine Anzeichen, dass man dies im Oktober 1939 anders empfand, als der Film in den USA erstmals gezeigt wurde.

Die Message ist auch klar. Und doch erscheint es erstaunlich, wie knuffig die russischen Hardcore-Stalinisten von Regisseur Ernst Lubitsch porträtiert werden, der 1933 aus Deutschland verjagt wurde. Ninotschka ist ein bißchen wie Mister Spock. Total bescheuert, aber liebenswert. Und die drei Funktionäre, so stellt sich heraus, träumen insgeheim davon, ein russisches Restaurant zu eröffnen, notfalls in der Türkei oder so, werden sich dies aber erst am Ende des Films bewusst. Bis es soweit ist, nehmen sie die Aussicht, womöglich nach Sibirien deportiert zu werden, wenn sie Scheiße bauen, mit Galgenhumor. Ständig ist vom Gulag die Rede und alle grinsen sich einen. Ninotschka wiederum, die viel zu schnell von einem französischen Baron um den kleinen Finger gewickelt wird, entpuppt sich schnell als Sozialdemokratin mit Herz, der mithilfe ihres spröden Charmes sogar gelingt, dem einst so konsumfreudigen Adligen, der ihr so erfolgreich den Hof macht, ein soziales Gewissen zu verpassen. Sein treuer Diener beschwert sich irgendwann sogar, dass er ein Buch von Karl Marx auf dem Nachttisch liegen hat.

Und die Moral von der Geschicht? Stalinismus und Nationalsozialismus laufen irgendwie auf dasselbe hinaus, aber die Stalinisten sind wenigstens noch zu retten.

Sepia on the staircase

Wie können wir uns vom Mainstream abkoppeln

…das ist die Frage, die es zu diskutieren lohnt‘, meinte Inge Kloepfer, Wirtschaftsredakteurin der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung, auf einer Podiumsdiskussion in der Berliner Landesvertretung von Rheinland Pfalz über ‚Risiken und Nebenwirkungen des Wirtschaftsjournalismus in Deutschland‘. Auslöser ihrer bisweilen in Selbstkritik mündenen Selbstzweifel (‚Macht, Beschleunigung, steigende Renditen; das Geld kam aus der Steckdose oder dem Computer, in diesen Sog sind auch die Medien geraten‘) war eine von der IG-Metall-nahen Otto-Brenner-Stiftung finanzierte Studie mit dem Thema ‚Wirtschaftsjournalismus in der Krise – Zum massenmedialen Umgang mit Finanzmarktpolitik‘ (Kurzfassung und Download hier).

Deren Autoren hatten dem deutschen Wirtschaftsjournalismus am Beispiel der Berichterstattung von Frankfurter Allgemeiner Zeitung, Financial Times Deutschland, Handelsblatt, Süddeutscher Zeitung, Tageszeitung, Deutscher Presse Agentur, Tagesschau und Tagesthemen in den Jahren 1999 bis 2009 attestiert, dem globalen Finanzmarkt gegenüber gestanden zu haben ‚wie ein ergrauter Stadtarchivar dem ersten Computer mit einer Mischung aus Ignoranz und Bewunderung, ohne Wissen, wie er funktioniert‘. Während Kloepfer einräumte, dass es ihr und anderen bisweilen an der nötigen Distanz gefehlt habe (‚Journalisten und Banker sind von Frankfurt/Main zu IWF oder Weltbank nach Washington geflogen, habe gemeinsam Konferenzen besucht und abends an der Bar Bier zuammen getrunken‘), schob Andreas Werner von ‚ARD-Aktuell‘ alle Schuld auf das Brett, das jemand vor seinem Kopf angebracht hatte: ‚Wir können die Realität nur so abbilden, wie sie ist, und wenn es keine kritischen Wissenschaftler gibt, die sich äußern, dann können wir das auch nicht senden.‘

You‘re wasting your time

And you‘re embarrassing your country.

Maschinenstürmer im Porträt: kamerademontageOL

Nachdem in Oberösterreich erst vor ein paar Tagen ein Vorgartenpensionär mit der Spitzhacke in der Hand ein Google-Auto am Bildermachen hinderte, soll im niedersächsischen Oldenburg bald auch der Rest des Werkzeugkastens zum Einsatz kommen. Die Taz berichtet heute von Flugblättern, auf denen zur „Öffentlichen Demontage der Überwachungskameras“ aufgerufen wird, die in der Innenstadt aufgestellt werden sollen – „mittels Hammer, Flex und Kneifzange“.

Mit etwas Glück kommen die Demonteure sogar damit davon, bekennt doch der Leiter der zuständigen Polzeiinspektion Johann Kühme, „dass nicht ständig ein Beamter vor dem Monitor sitzen werde“. Falls da doch wer sitzt, haben die Maschinenstürmer immerhin das Gegenteil bewiesen.

Wer mehr über die weltpolitischen Hintergründe der Aktion wissen will („Mit der Entwicklung weg vom Wohlfahrtsstaat und dem erstarkenden Neoliberalismus“ usw.), konsultiere den Blog http://kamerademontageol.wordpress.com.

Damn it Dschennet

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Dschennet Abdurakhmanova & Umalat Magomedow

Brigitte Bardot & Jeanne Moreau