Gerade Rühmann

„Gerade Rühmann ist, trotz ähnlicher, sagen wir: Flexibilität, auch nach dem Krieg ein Publikumsliebling geblieben“, steht heute in der Taz in einem Artikel über eine Gerichtsverhandlung in Berlin, in deren Verlauf nicht geklärt werden konnte, ob Johannes Heesers im KZ Dachau dem Wachpersonal ein Ständchen gesungen hat oder nicht (vgl. auch ‚hitler war ein netter kerl!'). „Heesters hat sich in der Nazizeit angepasst an das mörderische Regime“, heißt es in dem Artikel weiter, genau wie Gustaf Gründgens, Marika Rökk oder eben Heinz Rühmann.

Man fragt sich, wie lange es wohl noch dauert, bis es in den Köpfen ankommt, dass Rühmann, Gründgens, Rökk und Heesters Publikumslieblinge geblieben sind, eben weil sie sich in der Nazizeit an ein mörderisches Regime angepasst haben. Einen selbstgerechten Widerständler, der sich womöglich noch was auf sein Tun einbildet, oder einen dieser verfolgten Jammerlappen, die im ‚Hörzu‘-Interview erzählen wie’s war, so als Paria, will doch keiner singen hören.

Danish cartoonists strike again


Man spricht oft von der ‚Entideologisierung’

Man spricht oft von der ‚Entideologisierung’ der Parteien, des politischen Lebens schlechthin. In Wirklichkeit gibt es wohl kaum ein Land, dessen öffentliches Leben stärker unter dem Zeichen der Ideologie steht. Allerdings handelt es sich um eine Ideologie, die nahezu von allen als gut erkannt wird. Die Folge ist, dass die politischen Konflikte innerhalb dieser Ideologie ausgetragen werden. ‚Entideologisierung’ bedeutet nur, dass die gemeinsame Ideologie kaum mehr in Frage gestellt wird, wenigstens von keiner der Parteien, die zusammen wehr als 9/10 der Wähler vertreten: Der vereinzelte Andersdenkende wird dann naturgemäß zum Verräter.

Alfred Grosser aus: ders. u. Jürgen Seifert, Spiegel-Affäre, Bd. 1: Die Staatsmacht und ihre Kontrolle, Freiburg 1966, S. 18. Vgl. auch Jean Améry, Vom Nutzen und Nachteil der Ideologie für das Leben, Vorgänge 3/1967, abgedruckt in: ders., Widersprüche, Frankfurt/Main 1980.

Oléolé!!!

Im Bonner Haus der Geschichte gibt es eine neue Ausstellung mit dem Namen ‚Flagge zeigen? Die Deutschen und ihre Nationalsymbole‘. Horst hat sie gerade eröffnet. Der Aufhängertext geht so: ‚Schwarz-rot-goldene Fahnen an Fenstern, Gebäuden, Autos: Spätestens seit der Fußball-Weltmeisterschaft 2006 in Deutschland tragen vor allem Jugendliche wieder ‚National‘, zeigen Flagge, feiern fröhliche Feste mit ‚Fahnenträgern‘ anderer Nationen.‘

Erinnert sei in diesem Zusammenhang an eine Podiumsdiskussion, die das Goethe-Institut Paris gemeinsam mit dem Radiosender France Culture im September 1976 ausrichtete. Der sozialdemokratische Politikwissenschaftler Iring Fetscher debattierte mit seinem französischen Kollegen Alfred Grosser über ‚Tolérance et intolérance‘. Fetscher sagte in etwa das Gleiche, das man seit jeher zum Thema Fähnchenschwenken in westdeutschen Zeitungen lesen kann: In der Bundesrepublik gäbe es ‚nur wenig zugegebenen Nationalismus‘. So sei es in Westdeutschland ‚unvorstellbar, dass alle Politiker, von der KP bis zur extremen Rechten, gemeinsam über den Sieg der deutschen Fußballnationalmannschaft jubeln.‘ Grosser, der nach 1933 als Jude im Sinne der Rassegesetze des Reichsinnenministeriums aus Frankfurt/Main fliehen musste und später die französische Staatsbürgerschaft annahm, meinte nur kurz, bei den Siegen von 1954 und 1974 hätte er ja eher einen ‚einhelligen Enthusiasmus‘ in Erinnerung.

Es gibt nur wenige Dinge, die in der Geschichte der Bundesrepublik gründlicher verbogen wurden als die Erinnerung an das Deutsche Reich. Eines davon ist die Erinnerung an den zugegebenen Nationalismus, wie er sich in der Regel aus Anlass diverser Herrenfußball-Meisterschaften äußerte.

Wollte man dieser Logik folgen

Wollte man dieser Logik folgen, dann hätte man mit der Bombardierung Deutschlands 1945 nicht aufhören dürfen, sondern sollte sie bis 2076 fortsetzen.

Philip Roth auf die Äußerung seines Interviewpartners vom Spiegel, „viele Verächter des Kapitalismus, auch bei uns in Deutschland“, würden mit Blick auf 9/11 „glauben, dass Amerika diese Bestrafung verdient hat.“ Via irgendwo im Hinterkopf.

Die Toten Hosen singen für die FPÖ

Der junge Mann mit der Che-Mütze und dem blauen Stern ist Heinz-Christian Strache. Er konnte bei der Wahl in Österreich am Wochenende zwei Drittel der 16- bis 30-jährigen Wähler für sich begeistern.

Der Wahlwerbesong klingt wie eine EAV-Coverband aus, naja, irgendwo in Österreich halt. Für den Refrain konnten die Toten Hosen aus Düsseldorf gewonnen werden.

Ach du Scheiße

Heute Abend um 20.15 zeigt ProSieben ein Remake der Fünfzigerjahre-Flakhelfer-Schmonzette ‚Die Brücke‘ von Bernhard Wicki mit Franka Potente in der Rolle der festen Freundin von einem der Kanonenfutterknaben. (‚Die Amis dürfen nicht über diese Brücke kommen!!‘) Vielleicht spielt sie auch die Mutter, das wird aus dem Trailer nicht ganz ersichtlich.

Im Original von 1959 wurde die jetzt von Potente verkörperte Rolle der um die Gesundheit der Hitlerjungen bangenden Mahnerin (‚Ich will nicht, dass ihr hier verreckt!‘) von Günter Pfitzmann gespielt, einem sympathischen Landser mit Fronterfahrung (ab min 2:00).

Immerhin ist die Tagline die gleiche geblieben. ‚Dieser Krieg kennt keine Helden. Dieser Krieg kennt nur Opfer.‘

RZB

Wer nicht Jude oder Emigrant war

Wer nicht Jude oder Emigrant war (aber auch dann: wehe, wenn er in Spanien gegen Franco mitgekämpft hat!), gilt hierzulande nur als honett, wenn er – sei es in dieser oder jener Form – Mitläufer der NSDAP war oder sich (als angeblich ‚innerer Emigrant’) resignierend mit Adolf Hitlers Regime abgefunden hatte, mindestens bis die totale Niederlage seit Stalingrad und seit der Landung der Westalliierten im Westen für jeden, der noch einen kleinen Rest von Denkfähigkeit besaß, deutlich erkennbar geworden war.

Wolfgang Abendroth, Haben wir ‚Alten‘ noch etwas zu sagen? Sind wir ‚zornig‘? in: Axel Eggebrecht (Hg.), Die zornigen alten Männer. Gedanken über Deutschland seit 1945, Reinbek 1979, S. 149 f.

Ziggy Kinder – Flipflop Crash